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Archive for the ‘Reisen’ Category


Letztes Wochenende durfte ich auf Einladung eines Freundes aus der Weinbranche in Helsinki verbringen – mein erstes Mal in Finnland. Kulinarisch gesehen war mir nicht all zu viel über dieses Land bekannt (Wein-technisch an sich noch viel weniger) – für mich sind solche Gelegenheiten immer Chancen, unvoreingenommen in die Kulinarik eines Landes einzutauchen. Nach dem ich anfangs mit dem finnischen Nachtleben vertraut gemacht worden bin, durfte ich am zweiten Tag meines Kurzaufenthaltes gemeinsam mit meinen Gastgebern den Kauppatori – den offenen Markt an der Esplanade zur Baltischen See vis à vis vom Sitz des finnischen Präsidenten durchstöbern. Die Lebensmittel verkaufenden Stände waren dominiert von Pilzen, Beeren, Fischen aller Art aus den Gewässern zwischen Finnland und Schweden, verschiedenen Fleischsorten wie Elch und Rentier von frisch bis geräuchert, gebeitzt. Der einzige mir bekannte Koch aus Finnland – Hans Välimäki – hat sein Lokal wie die meisten in Helsinki Sonntags geschlossen und so war nach einem ausgiebigen Sauna-Gang “Homecooking” angesagt.

„Gefüttert“ mit diesen leckeren Impressionen trat ich am Folgetag meine Heimreise an und war motiviert am selben Mittag in Salzburg’s Ikarus-Restaurant die Küche des oben genannten Finnischen Kulinarik-Botschafters zu erleben. Hans Välimäki ist Finnlands einziger 2* Koch und mit seinem Restaurant „Chez Dominique“ einer DER Vertreter der neuen „Nordic Cuisine“.

Välimäki präsentiert sich im Hangar 7 mit einem gestandenen 10-Gang Menü zum Ikarus-Fixpreis von € 140,–. Dem eigentlichen Menü werden sechs Kleinigkeiten in Form von Snacks und Amuse Bouches vorangestellt. Diese überrollen den Gast ein klein wenig zu Beginn: Zeitgleich kommen ein gut gemachter „Steinpilz-Pizza“ Chip mit mit einem Garnelen-Cracker, der sich ein wenig wie ein „Krabben-Chip“ isst, dito in der Konsistenz ein Cracker aus (krosser) Schweinehaut, der von einer Trüffelmayonnaise überlagert wird. Hinzu kommt eine Finnische Fischsuppe mit Pastinaken-Granité, als Hingucker am Tisch ein aufgespießter, rosaroter Zuckerwattebausch, in dessem inneren sich ein Stück Rentier-Blutwurst verbirgt, welches ob der über proportionierten Zuckerwatte leider an Aussagekraft verliert sowie unmerkbar später serviert eine schöne Assemblage von jungen Gemüsen und Sprossen.

Schon der erste Gang ist ein Denkanstoß an die Geographie des Landes: Välmäki’s „Borschtsch“ erinnert, dass die Russische Grenze nicht Weit und Helsinki mit dem Venedig des Nordens – St. Petersburg – per Schnellzug in etwas mehr als 3 Stunden erreichbar ist. Auf dem Teller ist ein quadratisches Rote Beete Gelee mit seitlichen Rote Beete Tupfern, falschen Spaghetti aus Smetana (Sauerrahm, das selbe Wort findet sowohl im Finnischen als auch Russischen Verwendung) sowie nebst klein geschnittener, pochierter roter Beete Lammfleischwürfel, Klee und echter Kaviar. Die Interpretation ist lauwarm und zeigt, wie sich das Geschmacksbild einer Suppe durchaus gelungen texturell in feste Komponenten transferieren lässt. Das Gericht erinnert an eine frühere Interpretation des russischen Küchen Enfant Terrible Anatoly Komm. Es folgt ein gelungener nächster Akt aus Gänsestopfleber mit Steinpilzen und Apfel. Die Leber ist als Mousse zubereitet und wird meiner Steinpilz-Essenz angegossen. Dazu hauchdünn aufgeschnittene Steinpilz-Scheiben sowie gegrillter Steinpilz und ein Granité von Granny Smith. Die Süße und Säure dieses Gerichtes sind sehr schön ausbalanciert und ermöglichen der Leber trotz der erdigen Verbindung zu den Pilzen eine gewisse Herausstellung mit gefühlter Leichtigkeit am Gaumen. Dieser Tenor wird fortgeführt mit „ERDE“, einem gekonnten Zusammenspiel aus Kartoffeln in Püree-Form sowie einem gestockten Wachteleigelb mit Trüffel sowie in Trüffelsaft getränktes Saaristolaisleipä, ein typisch Nordfinnisches Dunkelbrot mit leicht süßlichem Einschlag. Bei Langostions mit Blumenkohl erlebe ich nun das Meeresgetier mit sensationellem Eigengeschmack, das um die Langostinos kunstvoll drappierte Kartoffelstroh vermag weder texturell noch geschmacklich zu akzentuieren – ganz im Gegensatz zum Blumenkohl-Prüee, welches die 2. Komponente des Gerichtes bildet. Nun folgt mein Menü-Matchwinner: Heilbutt, Austern und Kräuter: Ein saftiges Stück vom Fisch wird begleitet von einer in hauchdünnen Apfel gewickelte Auster, Austernblatt, Austernchips mit Nori, Austernpulver sowie einer Air. Kaum zu Glauben wie der Apfel als recht unscheinbare Komponente den Geschmack der Auster plastisch streckt. Als Zwischengericht vor dem Hauptgang wird Sauerklee und Sanddorn gereicht: Nein, keine Sorbets sondern – wie schon öfters in diesem Mahl – Granités. Nicht nur optisch sind Orange und Grün ein Genuss, sondern auch geschmacklich. Der Klee erinnert ein wenig an Sauerampfer, jedoch gedämpft durch einen geringfügig zu hohen Zuckeranteil. Hingegen punktet der Sanddorn mit seiner Appetit-anregenden Säure bei gleichzeitig charakteristischer Honig-ähnlicher Süße. Hierzu komme ich unaufgefordert in den Genuss einer Mayday-Bar-Kreation: Ein Kiwi-Ingwer Mojito wurde als interessante Begleitung gereicht. Taube VOL 9.5 titelt der nächste Gang. Välimäki hat bei der Organisation seiner Kreationen offenbar einen pragmatischen Zugang, Nokia hat da ausgedehntere Produktbezeichnungen. Auf dem Teller befindet sich die fein gegarte Taube, welche geschmacklich an Étouffé erinnert. In Begleitung dazu Puffreis und Reis-Cracker sowie eine eher Aussage-schwache Vanillebohnencreme und gute Pistaziencreme. Neben dem Bruststück gefällt ein kleiner Strudel gefüllt mit einer gut gewürzten Innereien-Farce sowie geschmorte Perlzwiebeln. Die Überleitung zum Süßen geschieht mit Lingoberries mit Milch. Ein optisch an Burrata erinnerndes „Päckchen“ einer leich gesüßten Milchmousse mit Vanille überzogen von Milchhaut und wird mit leicht herber Lingoberrie-Sauce (Preiselbeere) nappiert. Das Hauptdessert besteht aus Lakritze-Baisers sowie Creme, darauf zum einen ein Sorbet und zum anderen eine mit Gelee überzogene Mousse von Moltebeeren. Dieses arktische, hellorange Moor-Gewächs erinnert optisch an eine überdimensionierte Himbeere mit großer Segmentierung. An diese Optik ist auch der besprochene Teil des Dessert angelehnt. Geschmacklich wird ein angenehmer Kontrast erzeugt. Last but not least eine Kombination namens Schokolade und Grüner Tee KALT-WARM: Ein Matcha-Sorbet trohnt auf einer Schokoladencreme, dazu eine Grüntee-Creme mit Himbeeren, sowie in einer separaten Schüssel gereicht ein warmer Schokoladenkuchen der bei Tisch mit einer Schoko-Karamellsauce überzogen wird. Zwar ist alles handwerklich und geschmacklich einwandfrei produziert, jedoch erschließt sich mir der Zusammenhang der einzelnen Komponenten nicht wirklich.

Bleibt als Fazit zu reüssieren:

Välimäki kocht französisch, mit Nordischen Zutaten. Viele Hauptkomponenten stechen auf den Tellern durch ihren prägnanten Eigengeschmack heraus, nicht immer gelingt das Zusammenspiel mit den Aromen der „Beilagen“ einwandfrei, nichts desto trotz eine schöne Erfahrung für den Esser. Ich bin überzeugt, dass der zur Zeit in vielen Küchen gern gesehene Finne in Zukunft noch mehr Konzentration in seine Kreationen packen wird und ohne Zweifel ein interessanter Vertreter der nordischen Zunft ist.

Somit konnte ich gestärkt meinen Finnland-Akt abschließen und den Nachhauseweg antreten.

Foto-Galerie

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Wofür stehen rote Bordeaux? Für kraftvolle Weine mit jener unvergleichlichen Eleganz und Finesse wie sie nur im Bordelais entstehen können. Feine und ausgewogene Weine entstanden im gemäßigten, maritim atlantischen Klima. Und Rebsorten, die schon jahrhundertelange Tradition im Gebiet haben. Hergestellt von Menschen, die eine dementsprechende Erfahrung haben. Einerseits mit der Produktion der Trauben im Weingarten und andererseits mit der Behandlung der Trauben im Keller. Marketingmäßig gesprochen eine USP, weil es eben diesen Stil, oder besser, dieses spezielle Terroir nur hier gibt. Gibt es einen Grund, eine derartige Alleinstellung auf dem Markt aufzugeben? Spontan würde ich verneinen. Tatsächlich fragte ich mich Anfang der Woche: „Wo bin ich hier? Ist das wirklich Pomerol? Habe ich St.-Emilion im Glas?“ Nach einigen Tagen nun bin ich in der Lage ein paar Zeilen zu verfassen. Mein heißer Kopf ob der alkoholischen Weine hat sich wieder abgekühlt, aber mein Unverständnis ist geblieben. Sie möchten sich wiederholende Schlagworte aus meinen Verkostungsnotizen hören? Bitte sehr: vordergründiges Spiel mit Überreife, Rumtopf, Mon-Cherie, geschmorte Pflaumen, Kirschmarmelade, breit, fett, müde, wärmender Abgang, heiß. Noch mehr gefällig? Von anderer Seite betrachtet könnte das auch so klingen: mächtig, mundfüllend, üppig, ausdruckstark, fruchtgetragen, intensiv, dicht, weich, Schokolade. Zwei verschiedene Meinungen, na und? Die Befürworter der letzteren Weinbeschreibung werden begeistert sein. Für Konsumenten in Märkten, die an üppig-süßliche Weine gewöhnt sind, sicher ein idealer Jahrgang. Oder für neue Märkte in denen gerade Nachfrage entsteht. Die ersten Punktebewertungen für 2009 werden bekannt, sie liegen vielfach zwischen 95 und 100. Großer Jahrgang! Ich denke, mit diesem Jahrgang hat eine unheilvolle Entwicklung ihren bisherigen Höhepunkt gefunden, und das auf breiter Front. Im oberen Preissegment dominieren modernistische, auswechselbare Blockbuster, die ihre Herkunft verbergen. Die hohen Bewertungen in den letzten Jahren für Garagenweine haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Gut zehn Jahre hat die Globalisierung gebraucht um Pomerol und St.-Emilion stilmäßig aus den Angeln zu heben und zu entwurzeln. Es stellt sich die Frage wohin die Reise in diesen beiden klassischen Weinbaugebieten geht. Kommerziell wird die Rechnung für die Produzenten schon stimmen.

Herzlichst,

ein nachdenklicher Wellington

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Château d'Yquem

Meinten Sie, dass Chateau d’Yquem ein Meditationswein ist? Vielleicht nur in einer ernsthaften Runde andächtig verkostet wird? Ich kann Ihnen nur herzlichst wiedersprechen. Gerade stehe ich noch unter dem Eindruck von einigen Gläsern dieses wohl kultigsten Süßweines unserer Zeit. „A volonté“ hat es geheißen – so viel Sie wollen. Das war mein Verständnis der einladenden Worte. Ort des Geschehens war das Grand Théatre in Bordeaux, Gastgeber Pierre Lurton, bei dem ich schon gestern den wollüstigen Chateau Cheval Blanc 2009 trinken durfte. Ganz schön dekadent diese Leute im Bordelais. Nun genug der Worte und zur Sache. Chateau d’Yquem 2009: Cremiges zart schmelzendes Elixier, Duft nach reifem saftigem gelbem Pfirsich, Orangenblüten, jugendliche Unruhe, fast hätte mich die Nervigkeit des Weines nervös gemacht. Zudem noch diese konzentrierte Intensität der Süße, für einen sensiblen Gaumen kaum auszuhalten. Die Lösung? Zuerst eine Jakobsmuschel mit Passionsfrucht und Fleur de Sel, die feine Salzigkeit verschaffte mir nur einen Moment Erleichterung. Nachhaltig wirkte erst ein Happen Bayonner Rohschinken auf Pamesanmarmelade, der die Wildheit des Süßweines zähmte. Nicht dass Sie mich für einen Masochisten halten, aber ich musste noch ein zweites Glas haben. Ich hatte bereits die nächsten Sparring-Partner ausgemacht, die mich unwiderstehlich anlachten. Der Hummer auf Vanille und Radieschen, sowie ein Mascarpone mit Trüffel ließen mich den Wein erträglich erscheinen. Und tatsächlich, es verhalf mir zum Verlangen nach einem weiteren Glas Wein, das mit Fois gras natur ausgezeichnet mundete. Na ja, Klassiker soll man ja nie auslassen. Zur Illustration des 2009 hat man ihm seinen Bruder aus dem Jahr 1989 zur Seite gestellt. Mit seiner attraktiven Bernstein Farbe, dem Signal von Ausgewogenheit und Reife, zog er mich unwiderstehlich an. In der Nase Bergamotte und geröstete Mandeln, am Gaumen diese unvergleichliche mürbe Süße. Wie von Geisterhand näherte sich mir eine Fois gras mit Ribisel in Rotweingelee, gefolgt von einer Makkarone mit Trüffelcreme. Ich fühlte mich so eins mit der Welt, Schwerelosigkeit erfasste mich und ich begann zu entschwinden. Gerade rechtzeitig erreichte mich noch ein zart würziger Duft – einem Vacherin sei Dank weile ich noch im Diesseits. Das verlockende Lachs Sashimi mit dem trockenen „Y“ wollte ich nun nicht mehr probieren und verließ den gastronomischen Ort hinaus in den atlantischen Regen.

Herzlichst ein völlig erschöpfter Wellington

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Ich sitze gerade bei Denis Dobourdieu auf Chateau La Lagune und höre warum der Jahrgang 2009 so außergewöhlich ist:

  • 2009 erfüllt, fast in Perfektion, alle fünf notwendigen Voraussetzungen für einen großen Bordeaux Rotweinjahrgang:
  • Frühe Blüte und Fruchtansatz Anfang Juni gefolgt von heißem, sonnigen und relativ trockenem Wetter.
  • Veraison fand ebenfalls früh statt – beginnend Ende Juli.
  • Optimale Reife Dank heißem Wetter mit passendem Regenfall im August und September (und vor allem trockenen Wetter im Medoc).
  • Schlußendlich fand eine Traumernte Ende September und Oktober bei ungewöhnlich trockenem Wetter statt. Diese Bedingungen ermöglichten es, den idealen Lesezeitpunkt abzuwarten.

 

Nach drei Tagen in Bordeaux nun ein erster Überblick:

Sauternes 2009
Die Lese fand ausßergewöhnlich früh statt und dauerte kurz.  Die Lese begann wie immer mit einer Vorauslese, zwischen dem 10. und 17. September.
Vom 18. bis 20. September gab es Regenfall gefolgt von einigen nebeligen Tagen. Die Süßweinlese startete am 28. September und dauerte bis 20. Oktober – gerade als wieder der Regen einsetzte! Die Lese erforderte erstaunlich wenige Durchgänge – meistens nur zwei oder drei. Die Trauben hatten einen so idealen Botrytisbesatz, dass sie eine unerreichte Konzentration für eine so große Menge erbrachten.

Die Weine sind unglaublich füllig und cremig, mit enormer Dichte und Tiefgang. Sie zeigen alle Attribute, die ich mir von einem perfekten Süßwein erwarte: Konzentrierte Süße in leichtfüssiger Balance mit eingebundener Säure. Aromatische rein und von großer Klarheit. Die Weine sind ein faszinierendes Geschenk der Jahrganges und der jahrhunderte alten Erfahrung der Produzenten.

Liebe Leser,

Morgen geht es weiter mit den Weinen von Pomerol und St.-Emilion!

Ihr Wellington

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In Douro Veritas


Das Douro-Tal im Norden Portugals ist eines der spektakulärsten Weinanbaugebiete der Welt. Eine neue Garde Winzer verkaufen ihre Weine nicht mehr an die große Portweinkonzernen, sondern produzieren authentische Single-Quinta Weine von höchste Ansprüche. Gourmetdetektiv Wellington, öffnet die Türen zu den drei interessantesten Weingütern dieser Region.

Abertausende von Steinmauern, gestapelte Brocken aus Granit und Schiefer, erklimmen die Hänge der tiefen Douroschluchten in den Bergen Nordportugals. Knorrige Rebstöcke von oft vergessenen Sorten schlagen ihre Wurzeln tief in das terrassierte Gestein, auf der Suche nach Halt und karger Nahrung. Diese spektakulärste Weinlandschaft der Welt ist das Ziel von Wellington.
Ein unlöschbarer Durst die Geheimnisse seiner Weinleidenschaft zu ergründen, führt ihn in die berühmtesten Weinregionen der Welt. Weinlieber folgen ihn jedes Jahr, dann Wellington fühlt sich in der Rolle des Weinreiseführers wohl. „Es gibt sehr teuere, begehrte Designerweine, die für internationalen Geschmack zugeschnitten sind. Diese Weine sind für mich aber völlig uninteressant. Höchste Qualität allein ist nicht genug. Faszinierend wird sie erst durch Authentizität – Weine, die die Sinnlichkeit ihrer Herkunft ausdrücken, Weine, die nirgendwo anders auf der Welt produziert werden könnten.“
Dreißigtausend Winzer mit nur 45,000 Hektar Rebfläche in das abgeschnittene Douro Tal lieferten traditionsgemäß die bessere Hälfte ihres Weines an die große internationale Porthändler in Barcas Rabelas über den Wasserweg. „An allen Orten der Welt wo Wein kultiviert wird, ist der oberer Douro der unwahrscheinlichste. Zunächst gab es in diesem abgeschnittenen Tal des nördlichen Portugal nicht einmal Erde, nur Abhänge aus Urgestein – zerklüftet und instabil, gebacken in klirrender Hitze. Mit Dynamit und Meisel wurde Platz für die Reben geschaffen und mit Trockensteinmauern werden die Terrassen vor Erosion geschützt“, sagt Wellington.
Nach den Bau der Bahn in 1887 kamen auch Strassen und Elektrizität und aus ein paar bäuerliche Quintas würden adelige Landsitze. Innovativen Quintabesitzer erkannten nicht nur die zuvor nicht vorhandenen technischen und Vermärktungsmöglichkeiten, sondern auch die noch nicht erschöpfte Potenzial ihr heimischen Wein. Seit Mitte der 90er Jahren gibt es ein sehr kleine und sehr nachgefragte Menge von exquisite Weine aus alte autochthone Rebsorten. Drei der beste Produzenten möchte Wellington in den nächsten Tagen besuchen.
Als das Flugzeug, kommend aus einem sonnigen München, auf Atlantikhöhe in Porto landet, ist es regnerisch und die Laune die Passagiere scheint sich der kühlen Temperatur anzugleichen. Doch Wellington lacht, als er bei seinem Chauffeur einsteigt: „Das erste Geheimnis des Portweins ist enthüllt!“ Er erzählt vom „Douro Bake“, dem traditionellen Ausdruck für eine unerwünschtem Geschmack nach überkochtes Kompot in Portweinen, die im heißen, trockenen Klima des Douro-Tals ausgebaut und gereift wurden und nicht in den kühleren, feuchteren Lagen in Vila Nova de Gaia gegenüber von Porto. Es gibt zwei Kategorien von Portwein: Ruby Port, zu dem auch Vintage Port gehört, reift in die Flasche wobei die zweit Kategorie Tawny in Fässer maturiert. Beide Kategorienschmecken frischer und halten länger wann sie kuhl und feucht gelagert werden.
Der Chauffeur fährt von Porto Richtung Osten in das Cima Corgo, dem Zentrum des portugiesischen Weinbaus. Nach Überquerung der über 2000 Meter hohen Serra do Marao legt Wellington seinen Schal und Sakko aus feinem schottischen Tweed ab und bereitet sich auf einen ganz besonderen Anblick vor: „Trotz zahlreicher hübscher Fotos ist die Schönheit des Douro immer wieder atemberaubend.“ So weit das Auge reicht, ist das Gebirgsterrain mit terrassierten Konturen, wie Höhenlinien auf eine Landkarte, markiert. Nicht nur die unglaubliche Weite der Weingärten, sondern auch dessen Höhenunterschiede von bis zu 500 Meter beeindrucken.
Nach dreistündiger Fahrt ist die Quinta do Crasto der Brüder Miguel und Tomás Roquette erreicht. Seit 1615 werden auf Quinta do Crasto Portweine produziert. „Das Terroir – die Kombination von Klima, Boden, Rebsorte und Kultivierung – das was Portweine so außerordentlich macht, lässt auch die Herstellung hochklassiger, einzigartiger Tafelweine zu. Dieser Wein stammt von über hundertjährigen Rebstöcken seltener heimischer Traubensorten. Die kleine Menge an exquisiter Frucht eröffnet dem sensiblen Winzer die Möglichkeit einen einzigartigen Kunstwerk zu erschaffen“, erklärt Wellington überzeugend, als er einen luxuriösen Schluck 2001er Vinha Maria Teresa genussvoll über seine Lippen fließen lässt. Wie andere traditionelle Quintas haben die Brüder in ihrer Suche nach neue Wege ganz bewusst vom internationalen Trend zur Vereinheitlichung Abstand genommen. Sie haben sich entschieden, zur Ergänzung ihrer großartigen süßen Portweine, unverfälschtes Terroir als trockene Tischweine in die Flasche zu bringen. Die edle Vinha Maria Teresa wird nur aus ausgezeichneten Jahrgängen gemacht, zum ersten Mal im Jahr 1998, und riss sofort führende internationale Weinkritiker zu Lobeshymnen hin. Bisher würde die Maria Teresa nur nochmals in 2001 und 2003 gemacht, wobei Wellington schätzt die Lagerfähigkeit der 2001 am längstens zu sein.
Von der Quinta do Crasto fährt der Chauffeur die enge, kurvige Strasse nach Pinhão, dem verschlafenen Zentrum der Region, hinunter. Immer wieder öffnet sich plötzlich ein Schwindel erregender Blick auf den Douro. „Sie könnten natürlich sehr komfortabel auf der elitären Quinta do Vallado in Pesa da Regúa wohnen, aber das Hotel Vintage House in Pinhão ist nicht nur zentraler, es ist auch very British. Die englische Weinkultur hat in dieser Region schließlich 300 Jahren Geschichte. “
Tatsächlich ist das Ambiente – vom Pool im englischen Garten bis Chesterfield Sofa und Fauteuils vor dem Kamin – von angelsächsischem Charme, aristokratisch und zugleich ganz leicht verstaubt. Nach einem ausgiebigen Abendessen im gediegenen Restaurant wartet vor dem knisternden Kaminfeuer ein bereits dekantierter 1963 Ferreira Vintage Port. Draußen zieht ein gewaltiges Gewitter auf. Zwischen grellen Blitzen und rollenden Donnerschlägen zündet sich Wellington eine Zigarre an und erzählt: „Als im 17. Jahrhundert die Engländer während eines Krieges mit Frankreich keinen Zugriff auf ihren geliebten Bordeaux hatten, bezogen sie die Weine des Douro. Um die Weine haltbarer zu machen gaben sie einfach Weinbrand dazu. Es dauerte aber nicht lang bis sie entdeckten, dass die Weine runder und lebendiger blieben, wenn die Gärung mit hochprozentigem Weinbrand abgebrochen wurde, bevor der ganze Zucker in Alkohol verwandelt wurde. Dass dieser süße rote Portwein bis heute den Handel dominiert, zeugt von der Klasse und Größe dieses Weines.“
„Der Ferreira hat eine fantastische, komplexe Nase, die an Brombeere, Zwetschke und Schokolade erinnert. Er bietet großzügige, konzentrierte, feurige Frucht und ein nicht enden wollendes Finale“, beschreibt Wellington den Wein. Die rauchende Cohiba Esplendido verbreitet ihren angenehmen Duft, Wellington lehnt sich entspannt zurück und erzählt: „Trockene Rotweine wurden hier im Schatten solcher Vintage Ports schon immer produziert, aber sie hatten nur regionale Bedeutung. Niemand erahnte das große Potenzial, das in diesen Stiefkindern steckte. Es war Fernando Nicolau de Almeida, der die Zukunft des Douro maßgeblich mitbestimmte, als er den legendären Barca Velha erstmals im Jahr 1952 kreierte. Dieser Wein war für Jahrzehnte der beste trockene Tischwein Portugals und lange Zeit der einzige aus dem Douro mit signifikanter internationaler Bedeutung.“
„Ein Meilenstein für die Entwicklung in der Region wurde in den siebziger Jahren gesetzt. Von knapp hundert verschiedenen regionalen Rebsorten, wurden die fünf besten isoliert, allen voran die edle Touriga Nacional. Einzelne Produzenten wie Ramos Pinto und Quinta do Côtto begannen nun, Tischweine von internationalem Niveau zu produzieren. Eine neue Epoche im Douro Tal kündigte sich an.“ Die Zigarre ist zu Ende, die Flasche genussvoll entleert, Wellington verabschiedet sich. Für den nächsten Tag plant er, den Meisterwerken der „Duoro Boys“ auf den Grund zu gehen.
„Man betrachtete Dirk Niepoort als exzentrischen Rebell, als er sich auf der Quinta do Napoles auf trockene Tischweine spezialisierte. Es ist einfach, üppige alkoholstarke Weine in diesem heißen Tal zu produzieren. Ich möchte wissen, wie die Niepoort Weine ihre erfrischende Balance erhalten“, sagt Wellington als er der Einladung Niepoorts folgt. Am Eingang der Quinta wartet der sympathische Luís Seabra, Önologe und Gutsverwalter. Da Niepoorts Weine sehr gut zum essen passen, lädt Seabra zum Mittagstisch. Die Köchin der Quinta, Maria José, ist für ihre Künste berühmt. Sie reicht eine regionale Speise nach der anderen – manchmal deftig, manchmal raffiniert, aber jede sehr schmackhaft und jede mit einem passenden Wein serviert.
In gemütlicher Atmosphäre erfährt Wellington Niepoorts Rezept. Die Cuvées werden aus verschiedenen Lagen zusammengestellt. Die kühlen, hochgelegenen, schiefrigen Parzellen verleihen komplexe Mineralität, die nach Norden gerichteten Lagen bringen erfrischende Säure und die nach Süden blickenden Hänge sorgen für Körper, Intensität und süßes Tannin.
Wellingtons Mobiltelefon läutet – also doch nicht die perfekte Abgeschiedenheit. Seine Miene verdunkelt sich und er wirkt fast traurig. „Das war Cristiano van Zeller. Das gestrige Gewitter hat verheerenden Hagelschaden auf seiner Quinta verursacht. Wir sind dennoch willkommen, müssen uns aber nicht beeilen. Sie haben sehr viel Arbeit.“ Zum Abschied serviert Luís Seabra einen herrlich weichen 20-year-old Tawny Port von Niepoort zu Lérias de Amarante, Mandelkuchen. Der Wein erinnert an geröstete Haselnüsse und Karamell und bildet mit dem Dessert eine harmonische Einheit. Trotzdem ist der Atmosphäre getrübt, denn auch Luís Seabra fühlt mit seinem Freund Cristiano. Hagel gibt es nur selten im Douro, zum letzten Mal vor zwei Generationen.

Christiano Van Zeller

Auf der Fahrt den steilen Berg hinauf zur Quinta Vale Dona Maria zeigt sch das ganze Ausmaß des Unwetters. Wellington geht die Rebzeilen der Terrassen entlang und betrachtet die Reben: „Gestern hing noch viel versprechende Frucht unter der luftigen Laubwand. Jetzt stehen die Reben wie gerupfte Hühner da.“ Ein Grossteil des Laubes ist zerstört. Kaum eine Traube, die nicht schwer verletzt ist. Obwohl es heiß ist – das Thermometer misst über dreißig Grad Celsius – liegen die Hagelkörner noch überall in den Vertiefungen. „Der Winzer muss mit mindestens fünfzig Prozent Erntverlust rechnen, wenn er den Weingarten nicht überhaupt verliert. Viele Stöcke werden den Schaden nicht überleben“, sagt Wellington bedrückt.
Cristiano Van Zeller gilt als Guru der Single-Quinta Weinerzeuger, unterstützt tatkräftig seine Kollegen und fördert junge Talente wie Xito Olazábal und Sandra Tavares da Silva. Vielleicht ist es das globale Denken Cristiano van Zellers, denn nach eingehender Diskussion über die Zukunft seiner eigenen Rebgärten, verschwindet die betrübte Stimmung. Er erzählt enthusiastisch über die anderen zahlreichen Projekte in der Region. Wellington nimmt einen Schluck Quinta Vale Donna Maria 2004 „Curriculum Vitae“ und trägt nach einigen Minuten vor: „Oleander, Lakritz und Teer sind um einen intensiven Kern dunkler reifer Beeren gewoben. Die muskulöse Tanninstruktur vermittelt erstaunlich viel Eleganz und Finesse, aber braucht noch Zeit um geschmeidig zu werden. Der Länge ist beeindruckend. Diesen Wein möchte ich wieder in zehn Jahren probieren!” Wellington und Cristiano wechseln zufriedene Blicke.
„Jetzt zeige ich Ihnen noch etwas ganz Wichtiges“, verspricht Wellington und deutet auf einen unscheinbaren, 5 mal 6 Meter großes Behältnis: „Die Lagares, diese viereckigen flachen Granittröge, denen wir auf jeder Quinta begegnet sind, haben im Douro große Tradition. Dort werden die Trauben mit den Füssen getreten. Dies gilt als die schonendste Methode, möglichst viel Frucht, weiche Gerbstoffe und Farbe zu gewinnen. Früher gab es Bestrebungen, die Lagares mit modernen Methoden zu ersetzen. Van Zeller und seine Kollegen sind überzeugt, dass die Weine dadurch an Ausdruck verlieren. Sie haben Kühlsysteme in die alten Steintröge eingebaut, um die Temperatur während der Gärung kontrollieren zu können. So ist ein antikes Verfahren Avantgarde geworden“.
Für den Weg zurück nach Porto schlägt Wellington die romantische Douro Linha Eisenbahnfahrt entlang des Douro Flusses vor. Wellington steigt ein in das kleine Bahnhof Pinhão der zu den schönsten des Landes zählt. Die Fassaden sind mit azulejos, blauen Wandkacheln, verkleidet und zeigen alte Weinszenen. Die Landschaft hat sich wenig verändert seit damals. Wer hinter dem alten Henschel Dampflokomotive in den nostalgischen Erste Klasse Wagon auf Reisen geht, fühlt sich sofort in die Vergangenheit versetzt. Wellington erzählt von den Quintas, an denen der Zug vorüber rollt, von alten Rebstöcken und jungen Wilden. Von Portugal. Als der Zug wieder einmal über eine dieser beeindruckenden Brücken rollt, bemerkt er: „Die Errichtung von 26 Tunneln und 30 Brücken war eine technische Meisterleistung und dauerte zwölf Jahren bevor es in 1887 fertig würde. Das Ergebnis ist eine unvergessliche Strecke durch stille Landschaften von beeindruckender Schönheit. So beeindruckend wie die Weine und die neue Generation von Winzern, die stolz auf ihre Geschichte ist, respektvoll damit umgeht und doch neue Wege einschlägt.“

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